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28.12.16

„Der Deutsche spart falsch“

Der Privatbankier und sein persönlich haftender Gesellschafter über schwache Banken, die Probleme der Globalisierung und die Geldanlage der Deutschen.

Die Aktie liegt Friedrich von Metzler besonders am Herzen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er als einer der wenigen Privatbankiers in Deutschland nicht dafür trommelt - selbst bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich immer wieder Rat bei ihm einholt. Glaubwürdigkeit ist die besondere Stärke des Nachfahren von Benjamin Metzler, der die Bank Ende des 17. Jahrhunderts aufbaute.  Zusammen mit dem persönlich haftenden Gesellschafter Emmerich Müller ist es von Metzler gelungen, sauber und unbeschadet durch die Finanzkrise zu kommen.

Herr von Metzler, Sie sind seit etwa 50 Jahren im Bankgeschäft. Wenn man sich die Turbulenzen um die Deutsche Bank im Herbst und die Situation in Italien ansieht, haben Sie Angst vor einer neuen Bankenkrise?
Von Metzler: Wir sind heute besser auf Krisen vorbereitet als vor der Finanzkrise. Angst habe ich daher nicht. Zudem gibt es immer wieder Krisen.  Die erste, an die ich mich erinnern kann, war der Kollaps der Kölner Herstatt Bank, der die Bundesrepublik in den 1970er-Jahren schockte.

Im Moment sieht es so aus, als würden Europas Banken nicht vom Fleck kommen, während die US-Geldhäuser schon lange vor Kraft strotzen und immer weiter davonziehen.
Müller: So wie sich die Lage darstellt, sind die US-Institute die Gewinner der Finanzkrise. Ihnen ist es gelungen, sich global deutlich besser zu positionieren als die europäischen Großbanken. Ich fürchte, daran wird sich so schnell nichts ändern.

Die USA haben nach der Krise ihre Banken zwangsweise schnell rekapitalisiert.  Außerdem hat der Staat toxische Wertpapiere aufgekauft und damit die Bilanzen gesäubert. Liegt hier der Ursprung für den Vorsprung der US-Banken?
Müller: Dieser Pragmatismus war tatsächlich für die rasche Genesung der amerikanischen Geldhäuser entscheidend. Während sich Europa in Grundsatzdiskussionen verhedderte, ob der Staat Banken rekapitalisieren oder gar verstaatlichen darf, haben die USA gehandelt.

Ist dafür die Vielstaaterei in Europa verantwortlich oder auch das gesellschaftliche Klima?
Von Metzler: Bankengewinne gelten hierzulande noch immer beinahe als anrüchig; zwar sollen die Institute ihre Kapitalpolster weiter auffüllen und nach Möglichkeit auch noch mehr Kredite vergeben; aber Gewinne sollen sie möglichst nicht machen. Das kann so nicht funktionieren.

Aber sind die Vorbehalte gegen die Banken nicht verständlich? Liegt in der Finanzkrise nicht die Wurzel für die politische Unzufriedenheit, die wiederum zum Aufstieg des Populismus führte, mit den bekannten Ergebnissen in diesem Jahr?
Müller: Wir erleben seit Jahrzehnten eine parallele Entwicklung, die auf Dauer nicht tragfähig ist. In erster Linie führt die immer höhere Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen zu dramatischen Fehlentwicklungen.  Hinzu kommt die Globalisierung mit ihren Folgen. Viele junge Europäer fragen sich: Wo stehe ich persönlich? Was nutzt mir ein ordentliches Wirtschaftswachstum, wenn ich persönlich seit fünf Jahren arbeitslos bin oder meinen Job durch die Deindustrialisierung verloren habe? In der Finanzkrise sind diese unterschiedlichen Entwicklungen kulminiert und wie durch ein Brennglas sichtbar geworden.

Herr Müller, als Banker sind Sie sicher kein heimlicher Globalisierungsgegner, oder ?
Müller: Nein, natürlich wirkt sich die Globalisierung langfristig positiv aus.  Trotzdem fühlen sich Menschen durch die internationale Arbeitsteilung schlechtergestellt und suchen nach einfachen Antworten. Diese bieten ihnen die Populisten.

Sehen Sie nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum und der Regierungskrise in Italien die Gefahr eines Wiederaufflackerns der Schuldenkrise?
Müller: Da die Schuldenproblematik noch nicht gelöst ist, droht diese Gefahr immer. Aber es gibt doch erhebliche Unterschiede zur Situation vor sechs Jahren. Zum Beispiel hat die Europäische Zentralbank bewiesen, dass sie handlungsfähig ist. Daran wird sich nichts ändern.

Mit Blick auf Ihre Erfahrungen, Herr von Metzler, benötigen wir nicht einen Währungsschnitt wie in den Anfangsjahren der Bundesrepublik?
Von Metzler: Mit kleinen Schritten versuchen wir derzeit, die Staatengemeinschaft zu retten. Aus den Erfahrungen der 1930er-Jahre wissen wir, dass Krisen durch Liquiditätsengpässe entstehen können. Aber die Geldschwemme der EZB ist inzwischen zu viel des Guten.
Müller: Es kommt immer die Frage nach dem Währungsschnitt. Doch die heutige Situation ist nicht vergleichbar mit früher. In Europa verdrängen wir seit Jahren die Probleme. Wir verschulden uns weiter, verlagern die Lasten auf die junge Generation, sperren uns gegen Innovationen, die Produktivität sinkt, und die Bevölkerung schrumpft. Diese Probleme gilt es anzupacken, auch wenn es schmerzt. Davor schrecken wir zurück. Dabei funktioniert es, wie das Beispiel der Agenda 2010 unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gezeigt hat.

Aber uns schmerzt der Negativzins. Das ist doch eine Form von Enteignung.
Müller: Richtig. Aber wir gehen nicht die zugrunde liegenden Probleme an. In einem gemeinsamen Währungsraum muss sich die Wettbewerbsfähigkeit annähern, oder man muss bereit sein, schwache Länder zu subventionieren.
Von Metzler: Ich hoffe, dass wir in Europa nicht in eine Zeit zurückfallen, in der einzelne Währungen immer wieder abgewertet wurden. Die Unternehmen müssen ihre Produktivität erhöhen und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken. Deutschland hat gezeigt, dass das möglich ist. Aus dem Euro auszubrechen hilft nichts.

Wir Deutschen sind ein Volk von Anleihebesitzern. Um seinen Wohlstand im Alter zu halten, bleibt nur der Aktienkauf. Das muss Wasser auf Ihre Mühlen sein, Herr von Metzler, der Sie seit Jahrzehnten für die Aktie werben ...
Von Metzler: Deutschland steuert auf ein großes Problem zu, die Altersarmut.  Der Deutsche spart falsch. Er spart nicht in Aktien. Wir versuchen, das im Rahmen unserer Möglichkeiten zu ändern.
Müller: Aktien sind unsere DNA, unser genetischer Fingerabdruck. Eine ähnliche Situation wie wir erlebten die USA zwischen 1947 und 1971 - einen negativen Realzins. Auf diese Weise ist es den Vereinigten Staaten gelungen, bei gutem Wirtschaftswachstum die Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg abzubauen, trotz des Korea-, trotz des Vietnam-Krieges. Das ging zulasten der Sparer. Aber gleichzeitig erhöhten die Amerikaner in ihren Pensionsfonds die Aktienquote auf etwa 50 Prozent und damit ihren Anteil am Produktivvermögen.

Und in Deutschland?
Von Metzler: Obwohl im 20. Jahrhundert zweimal das Geld durch Hyperinflation ausgelöscht wurde, das letzte Mal 1947, bewegt sich bei Aktien wenig.  Gleichzeitig fällt die Quote beim Wohneigentum im europäischen Vergleich mit unter 40 Prozent sehr niedrig aus.

Trotz allem deckt die Liquiditätsschwemme an den Märkten alles zu.  Überraschungen wie die Wahl des neuen US-Präsidenten Donald Trump und das italienische Referendum werden innerhalb von Minuten abgeschüttelt. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Müller: Der Überfluss an Liquidität spielt an den Aktienmärkten keine entscheidende Rolle. Zwar sind Aktien an den US-Börsen teuer bewertet. Für Europa gilt das im historischen Vergleich nicht. Dabei hat die lange erwartete Umschichtung von Anleihe- in Aktienvermögen noch gar nicht stattgefunden.

Wie können wir dann an den Börsen zuletzt immer wieder neue Jahreshöchststände markieren?
Müller: Ich habe sogar mit höheren Aktienkursen gerechnet. Doch Sondereinflüsse wie die Angst vor einem Wirtschaftskollaps in China bremsten immer wieder. Trotz aller Probleme in Politik und Wirtschaft liegt das globale Wachstum über drei Prozent. Das bietet Gewinnmöglichkeiten für gute Unternehmen. Europa ist deshalb moderat bewertet.
Von Metzler: Wenn Sie den Deutschen empfehlen, Geld in Substanzwerten anzulegen, dann denken Sie an Immobilien und nicht an Aktien. Deswegen haben wir in Deutschland auch eine Immobilien-, aber keine Aktienblase.
Müller: Die Chance, längerfristig reale Zinsen nach Abzug der Inflationsrate zu erzielen, ist gering. Angesichts der hohen Verschuldung weltweit wünscht sich keine Notenbank steigende Zinsen. Schauen Sie sich die US-Zentralbank Fed an.  Sie braucht zwei Jahre Zeit, um ihren Leitzins nur um einen halben Prozentpunkt zu erhöhen, und hat zwischendurch noch Angst, die Welt geht unter.

Das bedeutet?
Müller: ... an Aktien führt kein Weg vorbei, auch wenn die Kurse hier stärker schwanken.
Von Metzler: Langfristig können Sie hier eine Rendite von sechs bis acht Prozent erzielen.
Müller: Wir Deutsche besitzen ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Doch nichts ist ohne Risiko. Nicht einmal Bundesanleihen, selbst wenn die Bonität unbestritten ist. Doch was ist, wenn es zu einer Kaufkraftentwertung während der Laufzeit kommt?

Angesichts der vielen Unsicherheiten: Können Sie, Herr von Metzler, als Banker der elften Generation Ihren Kindern empfehlen, das Bankhaus später zu führen?
Von Metzler: Sicher, aber die strategische Ausrichtung des Bankhauses muss sitzen. Wir profitieren derzeit von den steigenden Vermögen in Europa. Aber auf uns kommen immer wieder Änderungen zu, die zu bewältigen sind, wie etwa in der Bankenregulierung.

Wenn Sie mit Blick auf die politische und wirtschaftliche Situation einen Wunsch frei hätten. für was würden Sie sich entscheiden?
Von Metzler: Dass die EZB in der Geldpolitik wieder stärker zur Normalität zurückkehrt und damit weitere Verwerfungen verhindert werden.

Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellten Robert Landgraf und Michael Maisch.

Dieser Beitrag erschien im Handelsblatt print: Nr. 251 vom 28.12.2016 Seite 028 / Finanzen & Börsen